Zurück


 

Hans-Joachim Lenger
Die Kriege Carl Schmitts
oder: Vom Rauschen der Dezision
 
 
 

 

                    apostoleus = Flottenkommissar, Absendung, Apostelamt
 

"Der alleinige Weg zur Errichtung einer solchen allgemeinen Gewalt, die in der Lage ist, die Menschen vor dem Angriff Fremder und vor gegenseitigen Übergriffen zu schützen und ihnen dadurch eine solche Sicherheit zu verschaffen (...), liegt in der Übertragung ihrer gesamten Macht und Stärke auf einen Menschen oder eine Versammlung von Menschen, die ihre Einzelwillen durch Stimmenmehrheit auf einen Willen reduzieren können (...) Dies ist die Erzeugung jenes großen Leviathan oder besser, um es ehrerbietiger auszudrücken, jenes sterblichen Gottes, dem wir unter dem unsterblichen Gott unseren Frieden und Schutz verdanken." (1)

Thomas Hobbes legt also die Frage nach einer "Übertragung" von Macht und damit nach der Struktur nahe, in der sie sich in Beziehung zum Krieg setzt. Nun ist diese Übertragung aber nicht nur Übertragung, sondern damit zugleich auch Substitution; sie überträgt, indem sie etwas durch ein anderes ersetzt: hier das "Naturrecht" der Einzelwillen durch die allgemeine Macht des Staates. Damit aber besitzt diese Übertragung alle Charakteristika der Metapher und der Metaphorik. Und dies erlaubt es, die Ökonomie des Staatlichen als Metaphorik, den Staat selbst aber als Metapher zu entziffern.
 
 

Metapher, Metonymie, Mythos

Eine allgemeine Ökonomie der Metapher nun, weit davon entfernt, einen Sinn im Akt der Übertragung stillstellen zu können, läßt diesen Sinn vielmehr zugleich entstehen wie auch gleiten, indem sie einen Signifikanten durch einen anderen ersetzt. Lacan: "Der schöpferische Funke der Metapher entspringt nicht der Vergegenwärtigung zweier Bilder, das heißt zweier gleicherweise aktualisierter Signifikanten. Er entspringt zwischen zwei Signifikanten, deren einer sich dem anderen substituiert hat, indem er dessen Stelle in der signifikanten Kette einnahm, wobei der verdeckte Signifikant gegenwärtig bleibt durch seine (metonymische) Verknüpfung mit dem Rest der Kette." (2) Wie immer es vorerst um diese metonymische Verknüpfung bestellt sein mag: alle Paradoxien auch einer Übertragung von Macht werden unabweisbar dort ihr Zentrum finden, wo sie den Sinn metaphorisch gleiten läßt und damit die Vorstellung eines Zentrums staatlicher Macht selbst aushöhlt, in dem deren "Sinn" stillgestellt wäre. Staatstheoretisch: so sehr das "Naturrecht" der einzelnen durch die "Souveränität" des Staates ersetzt wird, auf die es sich überträgt, so sehr bleibt es doch gegenwärtig durch einen Mangel, der metaphorisch nicht gebunden werden kann und deshalb die Setzung der Metapher zu subvertieren droht. Hobbes' beschwörerische Formel beispielsweise, die solch struktureller Aushöhlung Widerstand entgegensetzen soll, lautet, daß der durch Übertragung geschaffene "sterbliche Gott"  nur funktionsfähig sei, wenn jeder "sich selbst als Autor alles dessen bekennt und dabei den eigenen Willen und das eigene Urteil seinem Willen und Urteil unterwirft." (3) Der Autor, eine Schrift und eine Unterschrift also: beschwörerisch ist diese Wendung, weil sie die supplementäre Notwendigkeit eines schriftlichen Bekenntnisses jedes einzelnen an jenem Ort einspringen läßt, an welchem die metaphorische Bewegung selbst das Zentrum subvertiert, das sie im Akt der Übertragung als "Sinn" zu stiften hatte. Es käme deshalb darauf an, dem beschwörerischen Ton bis zu jenem Punkt zu folgen, an dem er zu erkennen gibt, daß er sich aus mythischen Reserven abhebt, die im mythischen Bild des "Leviathans" selbst gespeichert sind und als Mythos das Gleiten des Sinns stillstellen sollen (4).

1938 bezieht sich der Mythologe Carl Schmitt in seinem Buch Leviathan auf Descartes und dessen Analogisierung von Körper und Seele einerseits, von Maschine und Intellekt andererseits: nach dieser Analogie lag "die Übertragung dieser Vorstellung auf den 'großen Menschen', den 'Staat' (...) nahe. Sie wurde von Hobbes vollzogen." (5) Man hat es bei Schmitt also mit einer cartesianischen Übertragung zu tun, die jedoch nur Moment einer zweiten, einer Rück-Übertragung durch Hobbes gewesen sein wird: "Nachdem auf solche Weise der große Mensch mit Leib und Seele zur Maschine geworden war, wurde die Rückübertragung möglich und konnte auch der kleine Mensch, das Individuum, zum homme-machine werden. Erst die Mechanisierung der Staatsvorstellung hat die Mechanisierung des anthropologischen Bildes vom Menschen vollendet." (6) Aber was heißt hier: Vollendung? Für Schmitt kommt offenbar alles darauf an, daß die Rück-Übertragung die Spuren jener Übertragung tilgt, die ihr vorangegangen sein soll. Vollendung heißt also: immer schon besitzt die Übertragung ihr Telos in jener Rück-Übertragung, in der sie sich vollendet gehabt haben wird. Immer schon soll sie jenem Sendemonopol unterstellt gewesen sein, aus dem die Metaphorik der Macht ihre spezifische Teleologie schöpft. Alle staatliche Souveränität des "Leviathan", alle Technik einer Begrenzung des Krieges sei schließlich undenkbar, so Schmitt, würde sie sich selbst als abhängig von einer Übertragung erweisen, die ihr voranginge oder "unbewußt" in ihr fortdauerte und sie dadurch verschieben würde. Sie wäre undenkbar, sollte ihr Ursprung nur auf den anderen Ursprung eines anderen Ursprungs verweisen und so fort. Sie ließe also nur ihre eigene Ursprungslosigkeit erfahrbar werden, sollte den vom Signifikanten des Staates substituierten Signifikanten gestattet werden, metonymische Beziehungen "mit dem Rest der Kette" aufzunehmen und zu unterhalten. Deshalb (und an diesem Ort einer Übertragung und ihres Monopols) rühmt Schmitt die Zeiten eines Hobbes, für den menschliche Artefakte wie der Staat als abgeschlossene Einheit von Mechanismus, Organismus und Kunstwerk "durchaus noch mythische Bedeutung haben" konnten (7).
Der Mythos, der das absolute Sendemonopol der Übertragung garantieren soll, springt also dort ein, wo sich zeigt, daß die Metaphorik, Übertragung vom einen zum anderen, nicht vollständig im Sinn eines gesättigten Feldes sein kann. Dort, wo sich zeigt, daß sie sich nicht stillstellen läßt; daß alle Übertragung in einer Möglichkeit zur Verschiebung verankert ist, die sich ihrerseits nicht restlos beherrschen läßt. Und darin besteht jene tödliche Gefahr für den "Leviathan", gegen die alle Gewalten des Mythos aufgeboten werden müssen. Denn die Konstruktion des Staates, die dessen Souveränität in der Möglichkeit absoluter Entscheidung über die Untertanen begründet, ist diese Fiktion absoluter Beherrschbarkeit. Sie will also die absolute Metapher, die alle Möglichkeit der Verschiebung spurlos getilgt hätte. Sie bedarf deshalb des Mythos, der mit der Möglichkeit der Verschiebung auch die Zeit still stellt, die es erlauben könnte, "die Zensur zu umgehen" (8).  Mythisch aufgeschoben, steht staatliche Macht deshalb im Horizont stehender Zeit, und das heißt: im kat echon einer unermeßlichen Drohung.

Katechontisch sind Figuren, die sowohl aufhalten wie niederhalten: Figuren einer Macht also, die Techniken des Aufschubs instrumentalisieren, indem sie aus ihnen einen Mehrwert ziehen. Aufgeschoben wird jener "Naturzustand" eines Krieges jedes gegen jeden, der als Drohung im Horizont der staatlichen Metapher steht. Um diesen Horizont aufrechterhalten zu können, muß sie ihn jedoch immer auch schon überschritten, also den "Naturzustand" als jenen Ausnahmezustand durchquert haben, von dem die Metapher ausgehen muß, ohne ihn jedoch in sich, metaphorisch, repräsentieren zu können. (Um Analogien zu bemühen: So wie der Wert zunächst in sein anderes - lebendige Arbeit - überzugehen hat, um aus Produktion und Verwertung einen Mehrwert zu ziehen, ohne sich aber als Wert "an sich" darstellen können; so wie sprachlich ein Signifikant in einen anderen Signifikanten übertragen worden sein muß, um einen Mehrwert an "Sinn" zu erzeugen, ohne sich aber als Sinn "an sich" darstellen zu können: so muß auch die Metaphorik staatlicher Souveränität immer schon den "Naturzustand" durchlaufen haben, um jene Grenzen errichten zu können, die den inneren Frieden vom äußeren Krieg unterscheidbar machen sollen.) Schmitts Titel für diese Bewegung ist "Dezision": Nicht Wahrheit, sondern Autorität setze Recht; Souverän sei, wer über den Ausnahmezustand entscheide, usw. In der Dezision hat sich staatliche Metaphorik also auf jenen Nullpunkt eines Werts zusammengezogen, welcher es erlaubt, ein Feld von Termen metaphorisch zu durchlaufen und sich hier in vielfältigen Metamorphosen immer nur selbst anzutreffen und zu potenzieren. Im Innern jeder metaphorischen Bahnung waltet ein Mythos absoluter Geschwindigkeit und unbegrenzten Mehrwerts (9).

Was aber bedeutet dieser Einsatz des Mythos für die Beziehung von cartesianischer Übertragung und Hobbescher Rück-Übertragung? Die cartesianische Übertragung darf einerseits nicht vernehmbar werden; sie darf  von der Rück-Übertragung aber auch nicht zum Schweigen gebracht werden. Würde doch auch dieses Schweigen, diese Stille noch auf eine Übertragung verweisen, die von der Rück-Übertragung nicht restlos besetzt werden konnte; würde sie doch auf eine wilde Anomalie verweisen, die sich dem Mythos souveräner Dezision immer schon entzogen hätte. Deshalb darf der "Leviathan im Sinne des Mythos vom Staat als der 'großen Maschine'" (10) gerade nichts der Stille überlassen. Gerade die "unausrottbaren Vorbehalte (...) der Stille gegenüber dem Geräusch" sind, Schmitt zufolge, geeignet, "den positiv gemeinten Mythos vom Leviathan zu besiegen und in ihren eigenen Triumph zu verwandeln" (11); auf diese Beziehungen von Geräusch und Stille wird zurückzukommen sein, wo vom Krieg und der Vernichtung die Rede sein muß.
 
 

Die "jüdische Existenz"

Zunächst aber: wenn die Gefahr der Stille auf eine verschwiegene Spur innerhalb der Metapher verweist, die sie zugleich in eine unkontrollierbare Beziehung zu einem gewissen Äußeren ihrer selbst setzt, so muß alles ausgeschlossen bleiben, was solche Turbulenzen von Innen und Außen zum Zuge kommen lassen könnte. Wenn deshalb solche Turbulenzen, so Schmitt, vom deutschen Idealismus, insbesondere Kant, "an der Hand des Gegensatzes von 'Innen' und 'Außen' formuliert werden" (12), so kündige sich hier bereits jener Tod des "Leviathan" an, in dem sich dessen Sterblichkeit erfülle. Doch früher schon, nämlich selbst bei Hobbes, zeige "sich die Bruchstelle in der sonst so geschlossenen, unwiderstehlichen Einheit. Hier, wo es um das Wunder und den Glauben geht, weicht Hobbes am entscheidenden Punkt aus. (...) An dieser Stelle nämlich tritt die Unterscheidung von innerem Glauben und äußerem Bekenntnis in das politische System des Leviathan ein. Hobbes erklärt die Frage der Wunder und Mirakel für eine Angelegenheit der 'öffentlichen', im Gegensatz zur 'privaten' Vernunft; er läßt es aber dem Einzelnen, kraft der allgemeinen Gedankenfreiheit - quia cogitatio omnis libera est - unbenommen, bei sich selbst, gemäß seiner privaten Vernunft, innerlich zu glauben oder nicht zu glauben und das eigene judicium in seinem Herzen, intra pectus suum, zu wahren." (13)

Wunder, das vom Mythos der Dezision nicht restlos besetzt werden kann, sondern der Urteilskraft (14) zugewiesen wird: für diese kleine Differenz, die alle Souveränität öffnet, weil sie in die Metaphorik einer Politischen Theologie nicht fällt, bietet sich Schmitt ein Name an: "der Jude". Wenn der Mythos des Staates die metonymische Bewegung stillzustellen hat, um den absoluten Mehrwert seiner Metaphorik zu garantieren, so ist jener Mythos dem "Leviathan" unveräußerlich, der die metonymischen Effekte der Metapher mit "dem Juden" identifiziert. An ihm hat sich die Produktion unbegrenzten Mehrwerts stets schon vollzogen und vollzieht sie sich in den Bahnen einer unerschöpflichen Paranoia. Die Name "des Juden" wird von Schmitt zunächst auf Spinoza gemünzt: "Schon wenige Jahre nach dem Erscheinen des 'Leviathan' fiel der Blick des ersten liberalen Juden auf die kaum sichtbare Bruchstelle. Er erkannte in ihr sofort die große Einbruchstelle des modernen Liberalismus, von der aus das ganze, von Hobbes aufgestellte und gemeinte Verhältnis von Äußerlich und Innerlich, Öffentlich und Privat, in sein Gegenteil verkehrt werden konnte." (15) Jene minimale Unentschlossenheit also, die Hobbes unterlaufen war, als er im souveränen Korpus des Staates die Bruchstellen - partikulare Fluchtlinien insgeheimer Glaubensfreiheit seiner Bürger - zuließ, droht im selben Augenblick den souveränen Korpus der Metapher in der Diaspora einer metonymischen Bewegung zu zersetzen: was sich als Gott will, wird sterblich bleiben, weil es Gott nicht ist, sondern Götzenbild. Daran erinnert die "jüdische Existenz". Sie löst den Tod dieses Gottes durch Techniken eines Verrats aus, der vom mythischen Programm des maschinisierten "Leviathan" ebenso herausgefordert wird wie er es abstürzen läßt, und zwar technisch, durch eine "kleine, umschaltende Gedankenbewegung aus der jüdischen Existenz heraus" (16).

Aber woran hatte Spinoza denn, etwa im 50.Brief, zu erinnern gewagt? Daran, daß die absolute Metapher Götzendienst ist. Spinozas "'Verschiebung' des ontologischen Beweises", die in "einer Überschreitung des unendlich Vollkommenen als Eigenschaft zum absolut Unendlichen als Natur" (17) besteht,  bescheinigt dem Kriegsverhältnis, das Hobbes errichtete, die metonymischen Bewegungen einer metaphorischen Ausbeutung unterwerfen zu wollen, die unbegrenzt sein will und - als Ausbeutung - doch nicht unbegrenzt sein kann. Sie dennoch unbegrenzt zu machen hieße, dem Terror jenen Geburtsbrief auszuschreiben, auf den Spinoza bekanntlich antworten wird: "Was die Staatslehre betrifft, so besteht der Unterschied zwischen mir und Hobbes (...) darin, daß ich das Naturrecht immer unangetastet lasse und daß ich der höchsten Obrigkeit in einer jeden Stadt nur so viel Recht den Untertanen gegenüber zuerkenne, als dem Maße von Macht entspricht, um das sie den Untertan überragt, als welches immer im Naturzustande der Fall ist." (18) Woran wagt Spinoza also, in diesem 50.Brief zu erinnern? Daran, daß die Tensionen, Brüche, Interferenzen und Anomalien von Übertragung und Rück-Übertragung jeder Metaphorik irreduzibel sind: "Denn bei ihr überträgt niemand sein Recht derart auf einen anderen, daß er selbst fortan nicht mehr zu Rate gezogen wird; vielmehr überträgt er es auf die Mehrheit der gesamten Gesellschaft, von der er selbst ein Teil ist." (19)

Nicht Metapher oder Verdichtung also, sondern Verschiebung, Metonymie, Berührungsassoziation, die alle Metaphorik der Macht nur durchläuft, um in ihr jene Irrfahrten des Semantischen antreten zu können, deren Gemeinbegriffe das Politische einem Rechtsnaturalismus Hobbesscher Prägung entwinden (20). Bei Spinoza jedenfalls verhält sich alles so, "daß der Übergang keine Übertragung des Rechts mit sich gebracht hat (oder allenfalls in scheinbarer Weise), sondern nur eine Verschiebung des Vermögens, nicht eine Zerstörung, sondern eine vielfältigere Organisation der Antagonismen" (21). Deshalb kann Spinoza alle Versuche als Verkennung zurückweisen, die Vermittlung von Einheit und Vielfalt in einer absolutistischen Metaphorik stillzustellen. Und deshalb ist auch Spinozas "Innen" zwar staatliche Bastion, aber als "Innen" selbst schon in dem Augenblick verschoben, in dem eine absolute Metaphorik ihren Ausgang vom unbegrenzten Mehrwert der Dezision nehmen will; wie Schmitt konstatiert: "in dem Augenblick, in dem die Unterscheidung von Innen und Außen anerkannt wird, ist die Überlegenheit des Innerlichen über das Äußerliche und damit die des Privaten über das Öffentliche im Kern bereits entschiedene Sache. Eine öffentliche Macht und Gewalt mag noch so restlos und nachdrücklich anerkannt und noch so loyal respektiert werden, als eine nur öffentliche und nur äußerliche Macht ist sie hohl und von innen her bereits entseelt. Ein solcher irdischer Gott hat nur noch den Schein und die simulacra der Göttlichkeit auf seiner Seite" (22).

Aber deshalb hätte das Simulakrum auch nie in ein Leben eintreten und Bewegungen dezisionistisch beginnen und metaphorisch durchlaufen können, wenn er an der "jüdische Existenz" nicht immer schon unbegrenzten Mehrwert erzeugt hätte. Wie jeder ökonomische oder sprachliche Wert, so zehrt auch seine Metaphorik von einem Verschwinden, das immer schon verschwunden sein muß - einer Abwesenheit, die niemals Abwesenheit einer Anwesenheit gewesen sein kann. Sein Tod bleibt katechontische Bedingung eines Lebens, das er allein seiner Sterblichkeit verdankt; das er also der "jüdischen Existenz" dadurch schuldet, daß er sie absolut verurteilt hat. Immer schon ist der Zorn seiner apostolischen Sendung "über sie gekommen zum Ende hin" (23), um Sendung  des Absoluten sein zu können. Der äußere Naturzustand, den auszuschließen und zu kontrollieren den Begriff des Staates begründen soll, ist damit auch immer schon in diesem Begriff und in diesem Staat. Er ist unverzichtbare Bedingung, um den Darstellungsraum jener Souveränität zu öffnen, die den inneren Frieden herstellbar, den Feind benennbar und Kriegserklärungen formulierbar werden läßt. Aller Aufschub erzwingt und zersetzt gleichermaßen die Reinheit einer Dezision, die ihrerseits vom Aufschub dessen zehrt, was sich metonymisch der Metapher vorenthält: "Die Träger der Entfaltung dieses innerlichen Vorbehalts waren untereinander sehr verschieden und sogar entgegengesetzt: Geheimbünde und Geheimorden, Rosenkreuzer, Freimaurer, Illuminaten, Mystiker und Pietisten, Sektierer aller Art, die vielen 'Stillen im Lande' und vor allem auch hier wieder der rastlose Geist des Juden, der die Situation am bestimmtesten auszuwerten wußte, bis das Verhältnis von Öffentlich und Privat, Haltung und Gesinnung, auf den Kopf gestellt war." (24)
 
 

Die Bühnen des Krieges

"Der Jude", dessen Ausschluß die Staatlichkeit und den staatlich geführten Krieg also einerseits ermöglicht, wird aber gerade deshalb die Privilegien eines Gesetzes nicht genießen können, das jene Begrenzung des staatlich geführten Krieges vorsieht, das Schmitt dessen "Hegung" nennt. Um Feindschaft und Hegung denkbar zu machen, muß die "jüdische Existenz" bereits jenen unbegrenzten Mehrwert im Innern der Macht-Metaphorik abgeworfen haben, der die "jüdische Existenz" nicht nur undarstellbar macht, sondern damit vollständig nichtig werden läßt. Somit verdankt die staatsrechtliche Ordnung "dem Juden" alles: unabtragbare Schuld, die abzutragen bedeuten müßte, die Fundamente des Staates selbst abzutragen; oder aber, wie sich vielleicht wagen läßt hinzuzufügen: die Träger dieses Namens: "Jude", selbst zu vernichten.

Unvermeidlich wird deshalb aber auch, daß ein Krieg gegen "den Juden" nicht eröffnet werden kann und doch alles, worin sich die imaginäre "jüdische Existenz" artikulieren könnte, von Schmitt in den quasi-militärischen Kategorien eines totalen Krieges aufgezeichnet wird. Im Übergang zu einer politischen "Theo-zoologie" (25) beginnt die unermeßliche Drohung des kat echon, Gestalt anzunehmen. Seit dem Wiener Kongreß etwa "bricht die erste Generation emanzipierter junger Juden in breiter Front in die europäischen Nationen ein" (26); "Stahl-Jolson ist der Kühnste in dieser jüdischen Front", verwirrt "den innersten Kern dieses Staatswesens, Königtum, Adel und evangelische Kirche" (27) und führt "auf die Ebene des innerpolitischen Feindes, des 'Konstitutionalismus', an dem der preußische Soldatenstaat unter der Belastungsprobe eines Weltkrieges im Oktober 1918 zusammenbrechen mußte. Stahl-Jolson arbeitet hier in der Gesamtlinie seines Volkes, in dem Doppelwesen einer Maskenexistenz, die um so grauenhafter wird, je mehr er verzweifelt ein anderer sein will als er ist" (28).

Die Unheimlichkeit des Grauens, das hier einfällt, besteht in einer Bewegung, die weder innen noch außen verortet werden kann. Genesis absoluter Metaphorik, äußerlicher als alles Außen, innerlicher als alles Innen, und das heißt: von einer Metaphysik souveräner Dezision dem fundamentalen Vergessen überantwortet, steht dem Dritten, diesem unheimlichen Gast, das Gesetz der Hegung nicht zu, das sich in der absoluten Metapher (er)schöpft. "Dem Juden" gelang es, so will es Schmitts schneidender Antisemitismus, "einen lebenskräftigen Leviathan zu verschneiden" (29). Es wird also darum gehen, noch die Tilgung der Spur zu tilgen.

Dies jedenfalls hat es Jacob Taubes erlaubt, auf Schmitts katechontisches Resumé von 1936 zu verweisen: "Indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn." (30) Dabei geht es weder darum, Schmitt einen Antisemitismus zu bescheinigen, den er ansonsten mit vielen anderen teilte, noch um den Nachweis, daß sein Begriff der Souveränität antisemitische Konnotationen aufweist. In beiden Fällen trüge der Skandal den Charakter einer Episode und wäre deshalb zu begrenzen. Schmitts Herausforderung reicht weiter, ohne daß schon bezeichnet werden könnte, was sie herausfordert. Läßt sie vielleicht die Abgründe ermessen, aus denen sich die westeuropäische Theatralik des Krieges und der Politik begründet hatte und erscheinen konnte, so lange sie aufrechtzuerhalten war? Oder fixiert sie den geschichtlichen Augenblick, in dem sich jene Techniken und Maschinerien entfesseln, die den theatralischen Schauplatz von Politik und Krieg ermöglichten, nun aber restlos überrannt und besetzt hätten? Vielleicht. Aber hätte die absolute Metaphorik, in diesem Augenblick der absoluten Vernichtung, dann nicht auch in eine vollständig neue Situation des vollendet Immergleichen geführt: in die Situation einer Offenbarung, einer Präsentation des Nicht-Präsenten, einer Apokalypse? Und hätte sich in einem solchen Offenbar-Werden nicht selbst noch der metaphorische Triumph abendländischer Metaphysik abgezeichnet, wenn deren Theatralik noch jenes Ende inszeniert hätte, aus dessen Aufschub kat echon es die Souveränität des "Leviathan" immer schon begründet hatte? Wenn sie also, in der Vernichtung, alle Möglichkeit der Verschiebung dem Terrorismus ihrer absoluten Metaphorik unterworfen und in dieser dargestellt hätte?

Für einen Moment etwa scheint Jean-François Lyotard zu erwägen, ob sich das Schicksal des Abendlandes in jener Anomalie offenbart haben könnte, "daß man die Juden nicht gemäß der abendländischen Institution des kriegerischen Konflikts -, daß man sie umgebracht hat, ohne zuerst den Schauplatz der Politik und des Kriegs aufzurichten." (31) Aber er schließt sich dieser Hypothese nicht an; liefe sie doch darauf hinaus, die Figuren der Souveränität in der Theatralik des Krieges zu bestätigen; liefe sie doch darauf hinaus, die Metaphorik der Macht nur der Verletzung anzuklagen, derer sie sich schuldig gemacht hätte, als sie die Bühne des Krieges verließ und zur totalen Vernichtung überging. Sie liefe darauf hinaus, die Vernichtungslager nur als eine historische Anomalie zu verhandeln, die keine andere Beziehungen zur Regularität des Theatralischen unterhalten hätte als die einer monströsen Beiläufigkeit.
 
 

Der Staatsterrorismus

Die Vernichtungslager aber stellen keine Anomalie in diesem beiläufigen Sinn dar. (Und dies nicht etwa, weil sie ex negativo doch irgendeinem nómos gehorcht hätten oder weil die Zentren der Vernichtung, als "beiläufig" bezeichnet, in furchtbarer Weise verkannt wären. Überhaupt wird es nicht um eine moralische Anklage gehen, die immer ein Urteil erfordern würde, für das es einen Richter nicht geben kann.) Vielmehr stellen die Vernichtungslager deshalb keine Anomalie dar, weil sie nichts - und nicht einmal eine Anomalie - darzustellen hatten oder hätten darstellen können; oder anders: weil sich in ihnen nur die theatralische Darstellung jenes Undarstellbaren vollendet hat, von dem die Simulakren souveräner Darstellung stets zehrten. Sie hat sich vollendet im Entsetzen jenes jüdischen Kindes, dessen Foto nach der Niederschlagung des Aufstands im Warschauer Ghetto aufgenommen wurde: bewaffnete Uniformierte hinter sich, die Arme als Zeichen der Ergebung gehoben; aber wissend oder zumindest ahnend, jenes Gesetz der Hegung nicht in Anspruch nehmen zu können, das es durch das Zeichen der Ergebung anzurufen wagte; wissend oder zumindest ahnend, ausschließlich und unwiderruflich dem Gesetz der Vernichtung unterstellt zu sein, in dem sich die Metaphorik der Macht unendlich schließen sollte. Nicht zwei Gesetze also, aber auch nicht eines; nicht zwei Schauplätze, aber auch nicht einer; nicht zwei Kriege, aber auch nicht einer. Vielmehr eine Verteilung von Geräusch und Stille, Mythos und Vorbehalt, die sich als Selbstinszenierung des Leviathan kat echon, im Konzentrationslager seines Imaginären, von Anbeginn zu erkennen gab und sich in der Vernichtung jener, die den Namen "Jude" tragen oder denen dieser Name zugewiesen wurde, apokalyptisch vollstrecken sollte: "Die SS führt nicht Krieg gegen die Juden. (...) Der Krieg liefert nur die nötige Geräuschkulisse, hinter der, im Stillen, das Verbrechen vollführt wird. Heimlich, kaschiert, sozusagen im Hinterhof suchen Europa und das Abendland mit dem Unvergeßlichen fertigzuwerden, das immer vergessen, seit langem immer vergessen ist. Ohne zu wissen, was sie tun, und in der Hoffnung zu vergessen, was sie getan haben werden. Ein sekundärer Schrecken, besser: ein Grauen, das an dem unfreiwilligen Zeugen des 'primären' Schreckens verübt wird, der nicht einmal verspürt wird, der nicht lokal, sondern unbestimmt ist, aber der in diesem Grauen lastet wie eine beharrlich aufgeschobene Schuld. Stellt man den sekundären Schrecken dar, so verlängert man ihn, denn er ist an sich selbst nur Darstellung, Repräsentation." (32)

Die Kriege Carl Schmitts, die mit unabweisbarer Notwendigkeit jene Drohung des kat echon wahr machen mußten, aus deren Aufschub sie "edle Gebärden, schöne Lieder" (33) zu ziehen wußten, haben deshalb selbst und aktiv einen neuen Zeitraum eröffnet, den des Staatsterrorismus. "Der Staatsterrorismus ist eine Form der Selbstverwaltung, die von der individuellen auf die staatliche Ebene übertragen worden ist. Man 'selbst-verwaltet' nicht mehr den Frieden, sondern jeder seinen eigenen Krieg." (34) Die Katastrophe hat also stattgefunden. Jeder paradoxe Versuch aber, einer Anamnese der Vernichtung die Dauer des Geschriebenen zu verleihen, wird sich zunächst daran zu bestimmen haben, in welchem Ausmaß es ihm gelingt, sich den Politischen Theologien des Staates, den Feierlichkeiten seiner Dezisionen, den mythischen Sättigungen seiner Metaphern zu entwinden. Was allerdings verlangen würde, eine Schrift diesseits und jenseits jener Grenze zu entziffern und zur Geltung zu bringen, die vom metaphysischen Begriff absoluter Zeit und unbegrenzten Mehrwerts gezogen wird - als unterhintergehbare Bedingung aller Metaphorik, als Schrift vor jeder Bedeutung, als Gesetz vor jedem Wissen, als "Jenseits, das die Metapher sich ereignen läßt" (35).
 

 


 (1) Thomas Hobbes, Leviathan oder Stoff, Form und Gewalt eines kirchlichen und bürgerlichen Staates, Frankfurt/M. 1984, S.134
Zurück

(2)  Jacques Lacan, Schriften II, Weinheim-Berlin 1986, S.32
Zurück

(3)  Thomas Hobbes, Leviathan oder Stoff, Form und Gewalt eines kirchlichen und bürgerlichen Staates, a.a.O., S.134
Zurück

(4)  Über diese Abhängigkeit der Metapher vom Mythos vgl. z.B. Jacques Lacan, Schriften II, a.a.O., S.45
Zurück

(5)  Carl Schmitt, Leviathan, Köln 1982, S.59
Zurück

(6)  Carl Schmitt, Leviathan, a.a.O., S.59
Zurück

(7)  Carl Schmitt, Leviathan, a.a.O., S.62
Zurück

(8)  Jacques Lacan, Schriften II, a.a.O., S.36
Zurück

(9)  vgl. Jacques Derrida, Randgänge der Philosophie, Wien 1988, S.208
Zurück

(10)  Carl Schmitt, Leviathan, a.a.O., S.118
Zurück

(11)  Carl Schmitt, Leviathan, a.a.O., S.96
Zurück

(12)  Carl Schmitt, Leviathan, a.a.O., S.61
Zurück

(13)  Carl Schmitt, Leviathan, a.a.O., S.84f.
Zurück

(14)  Spinozas entschlossener Kampf richtet sich gegen jene Vorurteile, "die die Menschen aus vernünftigen Wesen zu Tieren machen, die es ganz und gar verhindern, daß noch einer seine Urteilskraft gebraucht und wahr und falsch unterscheidet, und die mit Fleiß ausgedacht scheinen, um das Licht des Verstandes völlig auszulöschen" (Theologisch-politischer Traktat, Hamburg 1984, S.7)
Zurück

(15)  Carl Schmitt, Leviathan, a.a.O., S.86
Zurück

(16)  Carl Schmitt, Leviathan, a.a.O., S.89
Zurück

(17)  Gilles Deleuze, Spinoza, Berlin 1988, S.59
Zurück

(18)  Baruch de Spinoza, Briefwechsel, Hamburg 1986, S.209f.
Zurück

(19)  Baruch de Spinoza, Theologisch-politischer Traktat, Hamburg 1984, S.240
Zurück

(20)  Von hier aus jedenfalls ließe sich Spinoza mit Lacan lesen. Denn "die Rätsel, die das Begehren jeder 'Naturphilosophie' aufgibt, seine Raserei, die den Abgrund der Unendlichkeit mimetisch wiederholt, die innige Verbindung, in die es die Lust zu wissen und die Lust zu herrschen mit dem Genießen bringt, diese Rätsel verdanken sich keiner anderen Regellosigkeit des Instinkts als seinem Gefangensein in den ewig auf das Begehren nach etwas anderem ausgerichteten Bahnen der Metonymie." (Jacques Lacan, Schriften II, Weinheim-Berlin 1986, S.44)
Zurück

(21)  Antonio Negri, Die wilde Anomalie. Spinozas Entwurf einer freien Gesellschaft, Berlin 1982, S.131
Zurück

(22)  Carl Schmitt, Leviathan, a.a.O., S.94
Zurück

(23)  Die Figur dieser Finalisierung des christlichen Verhältnisses zu den Juden lautet bei Paulus vollständig: "Die haben den Herrn Jesus getötet und die Propheten und haben uns verfolgt und gefallen Gott nicht und sind allen Menschen feind. Und auf daß sie das Maß ihrer Sünden erfüllen allewege, wehren sie uns, zu predigen den Heiden zu ihrem Heil. Aber der Zorn ist schon über sie gekommen zum Ende hin." (1.Thessalonicher 2,15-16)
Zurück

(24)  Carl Schmitt, Der Leviathan, a.a.O., S.92
Zurück

(25)  Jacob Taubes, Ad Carl Schmitt. Gegenstrebige Fügung, Berlin 1987, S.41
Zurück

(26)  Carl Schmitt, Der Leviathan, a.a.O., S.108
Zurück

(27)  Carl Schmitt, Der Leviathan, a.a.O., S.108
Zurück

(28)  Carl Schmitt, Der Leviathan, a.a.O., S.109
Zurück

(29)  Carl Schmitt, Der Leviathan, a.a.O., S.110
Zurück

(30)  Jacob Taubes, Ad Carl Schmitt. Gegenstrebige Fügung, a.a.O., S.8
Zurück

(31)  Jean-François Lyotard, Heidegger und "die Juden", Wien 1988, S.97
Zurück

(32)  Jean-François Lyotard, Heidegger und "die Juden", a.a.O., S.41
Zurück

(33)  Ernst Bloch, Naturrecht und menschliche Würde, Gesamtausgabe Bd.6, Frankfurt/M. 1977, S.209
Zurück

(34)  Paul Virilio und Sylvère Lotringer, Der reine Krieg, Berlin 1984, S.103f.
Zurück

(35)  Emmanuel Levinas, Humanismus des anderen Menschen, Hamburg 1989, S.46
Zurück

 

Zurück